Nichts reimt sich auf Politik. Außer Kotzen.
von Björn H. Katzur, Kiel, den 17.09.2013
Politik ist eine Droge. Eine harte Droge. Einmal damit angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Auf Dauer ruiniert sie jede gute Laune, soziale Umgangsformen und wahrscheinlich auch die Gesundheit.
Und man muss nehmen, was einem der Dealer so anbietet.
Die Parteien und die großen Medienhäuser. Die bestimmen die Themen, die uns zu interessieren haben.
Ich hab den Scheiß-Wahlomaten gemacht. Was mir da an Wahlkampfthemen präsentiert wird, hat mit meinen Interessen so ungefähr gar nix zu tun:
Pille danach rezeptpflichtig? Ökolandwirtschaft fördern? Tempolimit auf Autobahnen. Ehegattensplitting.
Ich musste mir erst mal anlesen, was Ehegattensplitting überhaupt ist.
Frauenquote. Mehr Migranten im öffentlichen Dienst. Adoption für Schwule und Lesben. Doppelte Staatsangehörigkeit. Länderfinanzausgleich.
Das sind alles fucking Detailfragen. Klar muss man die klären. Aber können wir uns bitte erst mal fragen, wie eine lebenswerte Welt aussähe? Denn die hier ist es nicht!
Ich habe mir mal neulich die Bedürfnisse von uns Menschen aufgeschrieben. Es sind nicht viele:
Grundbedürfnisse: etwas zu Essen, ein Dach überm Kopf, menschlicher Kontakt, geistige und körperliche Gesundheit und die Sicherheit, nicht einfach erschossen, verprügelt oder bestohlen zu werden.
Nebenbedürfnisse: Verständnis des Universums und des Lebens, Bildung für die nächste Generation, Unterhaltung, Kultur, die Möglichkeit zu reisen und Sport zu treiben.
Das ist alles. Ich gebe jedem 10 € der mir etwas nennt, was nicht in dieser Liste enthalten ist.
Und nicht mal das haben wir bisher hinbekommen!
In den Jugendheimen der Haasenburg GmbH werden mit staatlichem Segen auffällige Jugendliche entmündigt und gefoltert. Steuerfahnder, die reichen Bonzen zu nahe rücken, werden im Auftrag der Landesregierung in die Klapse gesteckt!
Und das sind nur Dinge, die hier im "Rechtsstaat" Deutschland passieren sind und auch nur die, die rausgekommen sind. Ich will gar nicht wissen, was noch so alles passiert, wovon ich am liebsten Scheiße kotzen würde.
Afrika haben wir vor hundert Jahren durch Kolonialisierung ruiniert. Ruiniert? Mit rostigem Stacheldraht in den Arsch gefickt! Und jetzt gibt die Welthandelsorganisation sogenannte Aufbauhilfe, wenn die armen Schweine vor der Industrie buckeln und sich selbst weiter ausbeuten. Für unsere Scheiß-Rohstoffe, die wir in Smartphones verbraten, damit wir bei facebook durch Likes auf das Elend in der Welt hinweisen können.
Wir sind solche Idioten! Wichser! Wichser sind wir!
Und jetzt starren mich überall in der Stadt diese Hackfressen von den Wahlplakaten an. Kubickis Plakat wäre nur cool, wenn er nackt wäre. "Die Freiheit in Person".
Und Stritzls Plakat ist eigentlich nur Werbung für Photoshop. Der sieht da gar nicht wie ein Säufer aus.
Wir nehmen, was der Dealer uns bietet.
Die großen Parteien sind sich so ähnlich.
Aber sie sagen, das stimmt ja gar nicht. Sie unterscheiden sich.
So wie ich wählen kann, ob mein Koks lieber mit Rattengift oder mit Glaspulver gestreckt ist.
Wir nehmen, was der Dealer uns bietet.
"Also, was da in Syrien..."
"Halt die Fresse!"
"Warum sollen wir denn jetzt für die Griechen..."
"Ich hab gesagt, halt die Fresse!
"Die Merkel macht das doch gut..."
"Halt mich fest! HALT MICH FEST!"
Occupy war ein guter Ansatz. Wir holen uns die Welt von den reichen Arschlöchern zurück. Nur schade, dass die Occupy-Spasten alles Idioten sind.
Der Vorteil, den die rechten Faschistenschweine haben, ist, dass sie wenigstens wissen, wo sie hinwollen. Die Linken nicht. Die wissen nur, was sie nicht wollen.
Antifaschistische autonome Gruppen die keine Hierarchien wollen und sich doch an internen Machtkämpfen zerreiben. Die glauben, die Welt wird ein besserer Ort, wenn wir nur alle Wörterinnen richtig gendern. Die große Weltverbesserungspläne schmieden und zu blöd sind, in der WG den Müll rauszubringen!
Und wie viele Parteien sind auf einmal für Volksentscheide auf Bundesebene? Fand ich früher auch 'ne super Idee. Bis ich merkte, was für Idioten so rumlaufen.
Ich will keine wichtigen Entscheidungen den Bildlesern, Berlin-Tag-und-Nacht-Guckern und Studenten überlassen, die sich sonntags mit Tatort von der Welt ablenken.
"Aber in der Schweiz funktioniert die Volksabstimmung doch auch!"
"Ich hab gesagt: Halt die Fresse!"
Klar, wenn du Moscheen verbieten willst, ist die Schweiz ein tolles Vorbild! Das passiert, wenn der Pöbel entscheidet. Ich bin kein Fan von Religion, aber ich kenne ein paar Moslems und die Anzahl der Selbstmordattentäter unter ihnen ist durchaus überschaubar.
Aber als breite Masse lassen wir uns von Furcht und Polemik leiten.
Volksentscheide mein Arsch!
1930 hat der ökonom John Maynard Keynes vorausgesagt, dass wir am Ende des 20. Jahrhunderts eine 15-Stunden-Arbeitswoche haben würden. Er hatte eigentlich Recht. Die Technologie ist da, wir müssen nicht viel so arbeiten.
Dafür gibt es Verarschungsjobs. Papier hin- und herschieben. Meetings besuchen. Mit Excel Statistiken erstellen. Und wer verdient die Kohle? Firmenanwälte, Investmentbanker, PR-Sprecher, Marketing-Wichser.
Verkaufen, verkaufen, verkaufen.
Die verdienen die Kohle.
Und die Leute, die wichtige Arbeit leisten, Erzieher, Müllmänner, Krankenschwestern, Altenpfleger, die krepeln am Existenzminimum herum, machen sich kaputt und merken es nicht mal, weil sie durch die 40-Stunden-Woche dumm gehalten werden.
Tolles System.
Kapitalismus macht uns kaputt, darum hat doch jetzt jeder Burn-Out. Meine Eltern haben sich über das gestritten, worüber sich die meisten Ehepaare streiten: Geld. Ich bin deswegen übermäßig harmoniesüchtig, konfliktscheu und mag keinen Heavy Metal, weil ich nicht angeschrien werden will.
Und ich hab es noch gut. Andere Eltern laufen vor ihrem Frust in den Suff davon, oder schlagen ihre Kinder.
Ich bin nicht dogmatisch, das liegt nicht immer nur am Geld. Aber viel. Finanzielle Unsicherheit. Wovon bezahlen wir das Haus ab? Wovon kaufen wir Kleidung? Angst vor der Zukunft. Oh, das kann auch Angst vor fundementalistischer Gewalt sein. Aber woher kommt die? Die Anschläge vom 11. September sind nicht zu rechtfertigen. Aber die vorgeschobenen Gründe dafür auch nicht!
Angst vor der Freiheit?
Angst vor der Freiheit mein Arsch!
Glaubt hier echt einer, die stehen morgens auf, treffen sich auf der Straße:
"Und, was machst du heute?"
"Och, ich glaube heute hasse ich die Freiheit der anderen!"
Diese verrückten Wichser von Al Quaida haben doch nur einen Fuß in die Tür bekommen, weil die Kapitalisten-Amis alles und jeden ausbeuten.
Und jetzt stehen wir in Afghanistan, dem einzig uneinnehmbaren Land in der Geschichte der Menschheit.
Unsere Interessen werden am Hindukusch vertreten? Fick dich Struck! Die und deiner Bonzenfreunde vielleicht, nicht meine!
Ich habe erst neulich in den puren Kapitalismus reingeschnüffelt. Bücher eintüten, die beim Amazon-Marketplace für 3 € verkloppt werden. Im Akkord, sonst reicht die Gewinnspanne vorne und hinten nicht. Liebe zum Buch, zur Kultur gab es in dem Lager bestimmt nicht. Dafür einen Kollegen neben mir, der die ganze Zeit gefurzt hat.
Dann habe ich mir ein Callcenter angeguckt. Leute belästigen, damit sie mehr Sky gucken und sich so ablenken. Verkaufen, verkaufen, verkaufen!
Das ist unsere Welt!
Menschen werden verheizt. In Jobs, die dressierte Affen erledigen könnten.
Unser System fördert es, dass mitleidlose Psychopathen in die Chefetagen aufsteigen und unsere Welt an den Abgrund führen. Psychopath ist in dem Fall kein Schimpfwort, sondern eine Störung, eine Krankheit. Unter Chefs gibt es 6% Psychopathen, die unfähig sind, Mitleid zu empfinden. In der Normalbevölkerung ist es höchstens ein Prozent. Und wenn sie diese Störung vorher nicht haben, entwickeln sie die ruckzuck. Macht korrumpiert. Tolle Welt, die wir da geschaffen haben. Leute mit psychiatrischen Erkrankungen sind die Leistungsträger, von denen wir immer hören.
Und wir fördern die. Was verdient Bahnchef Grube, damit er Leute einspart, die Mainz ins Chaos stürzen oder Züge nicht wartet, damit kaputte Klimaanlagen zum Kreislaufkollaps führen?
Aber wir fördern diesen verfickten Drecks-Scheiß-Kapitalismus. Kaufen uns jeden Scheiß und wählen dann die grünen Kriegstreiber, um ein sauberes Gewissen zu haben.
Kaufen uns jeden Scheiß, aber ein Poetry Slam mit 8 € ist manchem bei facebook zu teuer. Rennen ins Kino, um den Hollywood-Bonzen und koksenden Schauspiel-Arschlöchern Geld in die gelifteten Ärsche zu blasen, aber bloß keine lokale Kultur und lebendige Kunst fördern.
Wichser!
Kultur wird ebenso stiefmütterlich behandelt wie die wirklich wichtige Arbeit.
Wenn ich vor Gott trete, dann möchte ich... na gut, erstmal werde ich mich hinsetzen müssen, weil ich nicht an Gott glaube. Aber nachdem ich mich erholt habe und mein Weltbild neu geordnet habe, also nach etwa einer halben Stunde bis 5 Jahren, will ich ihm nicht erzählen, was ich für ein dickes Auto habe und was meine Geldanlagen für eine dicke Rendite bringen. Ich will ihm erzählen, dass ich das Meiste aus meinem Leben, aus meiner kurzen Zeit als Mensch gemacht habe. Dass ich gesungen habe, geliebt habe, gelacht habe, andere zum Lachen gebracht habe, andere zum Nachdenken gebracht habe, dass ich Momente der Schönheit und des reinen Glücks erfahren habe.
Danach muss ich mich dann wohl bei ihm entschuldigen, dass ich soviel auf Religion geschimpft habe und nicht an ihn glaube. Vielleicht hat Gott ja auch Sinn für Humor und sagt dann sowas wie "Ich habe auch nie an dich geglaubt." Und wir lachen und wir lachen und wenn ich weggehe murmle ich leise "Arsch".
Wenn uns Außerirdische besuchen, will ich denen keine goldenen Präzisionsuhren, Privatjets und Berge von Koks zeigen. Es sei denn, die Außerirdischen brauchen Kokain zum Leben oder fahren total drauf ab ohne so hammer arrogant wie die menschlichen Kokser zu werden. Dann sollen die machen, worauf sie Bock haben. Ich kenne da auch ein paar Leute, die können ihnen helfen.
Aber eigentlich würde ich den Außerirdischen viel lieber unsere Musik zeigen, unsere Poesie, mit ihnen die Aussicht auf das Meer oder die Berge genießen und ihnen einen Menschen zeigen, der einen Fremden tröstet.
Und sehnlich hoffen, dass sie mich für diesen Hippie-Scheiß nicht umbringen, weil sie eine Rasse von Super-Vulkaniern sind, die Gefühlsduseleien aufs Tiefste verabscheuen.
Wir rasen auf diesem Raumschiff Erde durch ein Universum voller leuchtender, bunter Nebel und schimmernder Sterne. Wir sind in dieses Sein geschleudert, haben Angst, verletzt zu werden, verletzen uns ständig gegenseitig, wir trinken zu viel, weil unsere Welt und frustet, diese Welt, die wir selber erschaffen haben.
Wir sind völlig allein. Wir wissen von keiner anderen Lebensform mit Bewusstsein. Darum ist es okay, dass wir Fehler gemacht haben, dass wir unsere Selbstsucht nicht immer im Griff haben. Dass wir uns aus Angst gegenseitig verletzen. Aber bitte, lasst Gier, Misstrauen und Furcht nicht gewinnen. Wir können uns trösten, wir können uns Liebe zeigen, wir können uns Respekt zeigen. Wir können uns schöne Geschichten erzählen. Wir können uns zum Lachen bringen. Wir können gemeinsam Musik hören anstatt Hassreden. Wir können eine Welt erschaffen, auf die wir stolz sind. Generationen nach uns müssen nicht wie wir diese Angst erleben. Diese Verwirrung, dieses Gefühl, irgendwie falsch zu sein.
Geht bitte am 22.9. zur Wahl oder macht Briefwahl. Wählt bitte keine der großen Parteien, die nur noch das System sehen, weil sie sich gar nichts anderes mehr vorstellen können. Lasst Steinbrück Kanzler werden, er ist zwar auch Teil des Systems, aber er ist immer noch menschlicher als der Händefaltroboter im Hosenanzug. Lasst Steinbrück Kanzler werden, aber nur, weil er keine Wahl hat, als mit der Linken, mit der Marxistisch-Leninistischen-Partei, mit den Piraten, mit der Rentner-Partei oder mit der Tierschutzpartei[1] zu koalieren[2]
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Die werden bestimmt nicht alles richtig machen. Die wissen nicht, wohin sie genau wollen. Und früher oder später werden auch die im System ankommen, weil die Bürokratie sie in Papierkram ersäuft und ihnen Themen vorsetzt, die von der echten Welt ablenken. Aber in diesen Parteien sitzen vielleicht noch ein paar Idealisten mit Herz und Ideen, die über den Kapitalismus hinausgehen.
Und wenn das nicht klappt:
Die oberen 10.000, denen unsere Welt gehört. Das sind nur 10.000! Vielleicht auch das eine Prozent, von dem die Occupy-Idioten gefaselt haben. Auch wenn es ein Prozent ist. Es ist nur ein Prozent. Selbst wenn sie mit Abhängigkeiten die Polizei und das Militär im Griff haben und wir aus Vernunft auf übermäßige Gewalt verzichten: Das schaffen wir!
Alle Gewalt.. geht vom Volke aus!
[1]: Dies sind die linksgerichteten Parteien mit Landeslisten in Schleswig-Holstein. Bitte an das eigene Bundesland anpassen!
[2]: Ein zugegeben sehr naiver Wunsch: Wie uns die Bundestagswahl 2005 und der jetzige Berliner Senat zeigen, ist die SPD ein feiger Haufen, der lieber die CDU ins Boot holt anstatt den Wählerwillen nach einer linken Regierung zu erfüllen, um ja nicht als Kommunisten dazustehen oder weil sie auf einmal das "S" in ihrem Namen wieder ernst nehmen müssten! Bei einem entsprechenden Ergebnis der Wahl sollten wir die "S"PD per E-Mail oder klassischer Post vielleicht auf den Wählerwillen aufmerksam machen.